Aktuelles

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Zeitungsartikel vom 18.01.2018 aus der NWZ:


Weiterverwertung

Wie Schrott die Kasse klingeln lässt


Wer den Haushalt mal gründlich aufräumt, findet so einiges, das niemand mehr gebrauchen kann. Wenn sich kein Käufer findet, was bekommt man noch für den Materialwert?


Eine kaputte Lampe, eine Duschstange mit abgebrochenen Plastikgreifern und ein Handtuchhalter, der sich Richtung Boden neigt, sobald er seine Funktion erfüllen soll. Abfall in meinem Haus, den ich nicht reparieren kann oder möchte und für den mir niemand mehr Geld geben würde. Ein Fall für den Wertstoffhof also. Oder doch nicht? Jeder Werkstoff hat heute seinen Wert, warum also Geld verschenken? Mit den drei Teilen im Kofferraum fahre ich zum Entsorgungsfachbetrieb Henken in Friesoythe, der auf die Annahme von Schrott aller Art spezialisiert ist.


Organisiertes Gewusel


Auf dem Gelände an der Jadestraße herrscht viel Betrieb, man muss ein wenig auf sich aufpassen. Ein Kranführer reinigt gerade seine Arbeitsfläche mit einem improvisierten übergroßen Besen, Autoreifen verschwinden in einem Schredder und ein Auto fährt an mir vorbei – auf der Gabel eines Staplers stehend. Es herrscht ein Gewusel, das man wahrscheinlich nur versteht, wenn man hier arbeitet.


Die Leitung über das alles hat Helmut Henken, seinen Familienbetrieb gibt es seit 1994. Die Herausforderung des Schrotthandels? „Der Versuch, damit Geld zu verdienen“, lacht Henken. „Die Herkulesaufgabe ist, alles was reinkommt auch wieder raus zu bekommen.“ Und rein kommt eine ganze Menge. Autos im Ganzen, Lastwagenladungen mit Metall, die direkt auf eine eigene Waage fahren, und kleine Anlieferer aus dem Privatbereich wie ich mit meinen drei Teilen.


 Seine Nichte Annika arbeitet seit rund fünf Jahren im Betrieb und kennt ihn seit den Kinderjahren. Sie bringt mich mit meinem Kleinkram zu einer kleineren Waage. Einer der 15 Mitarbeiter des Betriebes macht eine Schnellkontrolle mit dem magnetischen Ende eines Schraubendrehers: „Schrott, Schrott, Messing“. Während ich noch überlege, was das für meine Brieftasche bedeutet, fliegen die Teile im hohen Bogen in jeweilige Container. Ob er sich an etwas Besonderes erinnern kann? „Es war mal eine sehr junge Frau hier“, sagt er und lacht. Der Witz ist, dass so gut wie keine Frauen auf den Schrottplatz kommen und er sich deswegen nach sieben Jahren noch an ihre Kleidung erinnern könne.


Gewicht zählt alles


„Schrott – also Eisen – ist magnetisch, Alu nicht“, erklärt Annika Henken den Test. Plastik, Glas, Kabel und Gummi ist in meinen Teilen verbaut – gewertet wird das Gewicht des überwiegend benutzten Metalls. Hier hat ein kunstvoll geschmiedetes Geländer denselben Wert wie eine gleichschwere Regenrinne aus dem gleichen Material. Kurz denke ich an meine vor kurzem verschenkten Autofelgen. Kein Bedarf, kein Käufer weit und breit, also machte ich einen Mitmenschen damit glücklich. Hier hätte ich bestimmt einiges an Geld für den Materialwert bekommen.


„Manchmal ist es hier sehr hektisch, aber es ist immer spannend“, findet der Inhaber Helmut Henken. Seine Firma nimmt erstmal vieles an, schreddert, presst und stapelt es und verkauft es dann an Spezialfirmen weiter. Maschinen werden vorher noch um alle Flüssigkeiten erleichtert.


„Früher hat man Schrott noch vergraben, heute ist er Geld wert“, erklärt mir Annika Henken. Im Internet aktualisiert das Unternehmen täglich die Preisliste für alle Wertstoffe. Bezahlt wird pro Kilo oder Tonne. „Manche rufen erst drei- oder viermal an, bevor sie was bringen.“ Der Erfolg des Unternehmens sei börsenabhängig. Gehen die Metallpreise in den Keller, muss länger zwischengelagert werden.


Ich habe eine vorläufige Quittung für meinen Schrott bekommen. Ganze 0,005 Tonnen Mischschrott (Duschstange und Handtuchhalter) und ein Kilo Messing (die Lampe) hat die Waage ergeben. An der Kasse bekomme ich 3,75 Euro in Bar. Gegen Vorlage meines Personalausweises, auch das Kennzeichen wurde vermerkt. Schrott hat seinen Wert, das ganze Gelände ist videoüberwacht, ich muss bestätigen, dass mein Schrott nicht verpfändet oder gestohlen ist. Die Dokumentation des An- und Verkaufs erfordert fast genauso viel Arbeitskraft wie die Bearbeitung, wird mir gesagt.


Den Löwenanteil meines Ertrags habe ich mit der Messinglampe gemacht. Pro Tonne werden 2900 Euro gezahlt, für Mischschrott nur 170 Euro. Bevor ich das nächste mal meine Werkstatt ausmiste, checke ich den Börsenkurs, sage ich mir.




Video vom 17. Januar 2018

Zeitungsauschnitt aus dem Sonntagsblatt vom 01.10.2017:



Zeitungsauschnitte aus der NWZ:

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